BASELLANDSCHAFTLICHE ZEITUNG, SAMSTAG, 20. MAI 2006:
DAS bz-PORTRÄT / Die Auswirkungen der Kinderlähmung prägen Beat Ramseyers Leben. Nach drei Jahrzehnten als Lehrer vermittelt er nun zwischen den Bereichen Gesellschaft und Behinderung
VON DAVID WEBER
UNTERWEGS. Lange Jahre kämpfte Beat Ramseyer gegen seine Behinderung. Heute hat er sich arrangiert und geht auch in der Öffentlichkeit offen damit um.
FOTO NARS-ZIMMER
BASEL. «Eine gestohlene Kindheit», das sei wohl das
bedeutendste Ergebnis seiner Krankheit, meint der in Bern geborene Beat
Ramseyer und breitet das Krankenblatt seiner ersten Lebenswochen auf
dem Tisch aus. Drei Wochen nach seiner Geburt, im Jahr 1948, sei
plötzlich «die Hölle» losgebrochen. Ramseyer erkrankte an
Poliomyelitis, besser bekannt als Kinderlähmung.
Der heute
57-jährige überlebte die Virus-Infektion. Nach einigen kritischen
Wochen notierte die Krankenschwester «Lacht laut» aufs Krankenblatt.
Trotzdem prägten jahrelange Spital- und Heimaufenthalte seine
Jugendzeit und erschwerten die berufliche Integration genauso wie die
soziale. Mit Unterbruch besuchte er die normale Schule und merkte: «Ich
kann es noch packen.» Trotz dauernder Schmerzen und Gehbehinderung habe
er sich konsequent gegen Gehhilfen oder den Rollstuhl gewehrt.
Bewusst exponiert: «Warum nicht?» «Musik
war mein Weg zu Sozialisation», schildert Ramseyer. Der Autodidakt
lernt Gitarre, später Klavier und unterrichtete mit vierzehn Jahren
bereits andere. «Durch die Musik - vor allem Pop, Jazz und Soul - sind
die Leute zu mir gekommen, und ich musste ihnen nicht nachrennen. Das
hätte ich eh nicht gekonnt», fügt er an.
Als Folge der
Polio-Erkrankung konnte Ramseyer nur mühsam gehen, trotzdem genoss er
in seiner Jugendzeit die öffentlichen Auftritte mit der
Gesangsformation «The Gospel Train» und einem Kabarett-Ensemble. «The
Gospel Train» gelangte zu Fernseh-Ehren genauso wie die Produktion
«Cabaret Tabouret I».
Damit exponierte er sich natürlich, aber
Ramseyer dachte: «Warum nicht?» Die Menschen würden ihn sowieso
anstarren. «Darunter habe ich als Jugendlicher sehr gelitten», erzählt
er. «Auf der Bühne hingegen habe ich es genossen, mich in einem Kontext
zu zeigen, wo ich selbst steuern kann, was es zu sehen gibt.» Die
Berufsfindung sei «ein steiniger Weg» gewesen. Die Lehre als
Hochbauzeichner (sein Vater war Arichitekt) brach er ab, und nach
einiger Zeit in einem Werbe-Büro merkte er: «Das ist nicht meine Welt.»
Daraufhin absolvierte Ramseyer die Ausbildung zum Musik-Theorielehrer
am Konservatorium Bern, dort lernte er auch seine Frau kennen, die
Altistin Christina Aeschbach.
Den Schülern auch ein soziales Netz bieten Mehr
aus Not als aus Überzeugung («Lehrer wollte ich bestimmt nicht werden»)
nahm Beat Ramseyer eine befristete Teilzeitstelle als Musiklehrer an
der Diplommittelschule Basel an. Daraus sind knapp 30 Jahre geworden.
Die Skepsis gegenüber dem Lehrerberuf legte sich schnell. Erst
unterrichtete Ramseyer Musik, später auch noch Zeichnen.
«Ich
fand es ungemein spannend mit jungen Erwachsenen zu arbeiten. Manchmal
waren sie jung, manchmal erwachsen; das konnte sich innert fünf Minuten
ändern». Zusammen mit anderen Lehrpersonen setze sich Ramseyer dafür
ein, dass «wir den Heranwachsenden auch ein soziales Netz bieten, in
dem sie sich aufgehoben fühlen konnten.»
Andere Lehrkräfte
bezeichneten dies als «Sozial-Kitsch» und befürchteten, dass der
Schulbetrieb gestört würde. «Die Schüler waren mit uns per Du, und
dieses etwas weiter gefasste soziale Netz war natürlich nicht
schulstandard», meint Ramseyer rückblickend. Für ihn gehören diese
Erfahrungen aber zu den wichtigsten in seiner Lehrerlaufbahn.
Im
Alter von gut 30 Jahren holte Ramseyer die Kinderlähmung wieder ein. Er
erkrankte am Post-Polio-Syndrom (PPS). Studien besagen, dass
zwischen 20 und 80 Prozent der Polio-Patienten nach einem stabilen
Intervall von durchschnittlich 30 Jahren wieder Symptome entwickeln.
Exakte Zahlen gibt es nicht.
«Die Forschung ist am Post-Polio-Syndrom nicht interessiert» «Die
Forschung ist am PPS nicht interessiert», stellt Ramseyer fest, «obwohl
allein in der Schweiz Tausende Menschen darunter leiden.» Die
Bevölkerung sei durchgeimpft, in den Entwicklungsländern zwar noch
nicht vollständig, aber auch dort werde die Polio über kurz oder lang
aussterben. «Wir sterben aus», präzisiert er, «und so verschwindet das
PPS von selbst.» Bei Beat Ramseyer äussert sich das PPS durch starke
Schmerzen, vor allem im Rücken, und Anfälle von «bleierner Müdigkeit,
die man nicht wegschlafen kann.» 1990 habe er sich den ersten Rollstuhl
besorgt.
Der Schock und die Trauer, dass jene Krankheit
zurückkommt, die sein Leben geprägt und mit deren Folgen er sich
arrangeiert hatte, war gross für Ramseyer, die Gefahr Resignation und
Depression anheim zu fallen auch. «Doch mit der Zeit merkte ich: Es ist
lebbar; auch dank meines Umfelds.» Er sei privilegiert, sagt Ramseyer
dankbar. Er lebe in einer total schönen Parnerschaft, sein Sohn und
seine Freunde geben ihm Kraft. «Anderen Menschen mit einer
Behinderung», weiss Ramseyer, «fehlt dieses soziale Netz oft.»
Die Vision einer hindernisfreien Welt Vor zwei Jahren war es für Ramseyer unumgänglich, den Lehrerberuf aufzugeben. «Ein schwerer Entscheid», sagt er. Aber treu seinem Credo «Der Mensch lernt sein Leben lang» hat er sich immer um Weiterbildungen bemüht, so dass er jetzt freiberuflich in den Bereichen Mediation, Konfliktbearbeitung und Supervision - hauptsächlich im Spannungsfeld Gesellschaft und Behinderung - tätig ist. Für Beat Ramseyer ist es ein Vorteil, dass er «in zwei Welten zuhause ist». Er betrachtet die Welt sowohl aus der Perspektive des Behinderten, aber auch als jemand, der praktisch uneingeschrankt am gesellschaftlichen Leben teilnimmt.
Ein weiteres Projekt, das Ramseyer am Herzen liegt, heisst «museumssterne*** - museen basel offen für behinderte». Dabei handelt es sich um einen Wettbewerb, der von den Museumsdiensten Basel und dem Büro für Integration und Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen lanciert wurde. Ab 2006 sollen jedes Jahr Museen prämiert werden, die sich für die Bedürfnisse von Menschen mit einer Behinderung engagieren. Dafür stehen jährlich 20'000 Franken zur Verfügung. «Ziel ist es, solchen Projekten Öffentlichkeit zu geben», erklärt Ramseyer, der als Projektleiter die Aufgabe hat, «museumssterne***» nach aussen zu vertreten.
Er erhoffe sich von diesem Projekt Ausstrahlung auf andere Bereiche. «Meine Vision ist eine Gesellschaft, in der alle ungehindert und unbehindert am sozialen und kulturellen Leben teilnehmen.»
Töpfern, Malen, Musik - ein wichtiger Ausgleich zur Arbeit Als Ausgleich zur Arbeit und zur Erholung ist Ramseyer gerne kreativ tätig, wie seine «multifunktionale Werkstatt» deutlich erkennen lässt. Als Erstes sticht die Töpferscheibe ins Auge, daneben sieht man ein dreistöckiges Regal mit Töpferutensilien sowie selbstgemachten Tellern, Schalen und Teekannen.
In der gegenüberliegenden Ecke steht der massive Brennofen und keine zwei Meter daneben ein Computer, den er als Co-Leiter des Elisabethenchors auch zum Arrangieren von Chormusik verwendet. An den Wänden hängen selbstgemalte Bilder neben Fotos von Reisen.
Ramseyer geht offen mit seiner Behinderung um und versucht auch im Alltag Brücken zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen zu schlagen. Wenn eine Mutter ihrem Kind sagt: «Pssst, schau den Rollstuhl nicht so an!» sucht er das Gespräch mit ihr.
«Wer nicht fragt und nicht hinschaut, lernt auch nichts», ist Ramseyer überzeugt, «also schaut her.» Vor dreissig jahren, als ihn das ständige Angestarrt werden noch sehr belastet hatte, wäre eine solche Aussage für ihn undekbar gewesen. Das Akzeptieren der eigenen Situation und das ausgeglichene Selbstverständnis sei das Ergebnis eines ständigen Prozesses der Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Behinderung.