Wer sich engagiert, lebt nicht nur für sich. Überall dort, wo sich Menschen für andere einsetzen, entsteht Lebensqualität. Besonders wichtig für Menschen mit Behinderungen. Stufenlose Eingänge, breite Passagen, gut lesbare Beschriftungen und verständliche Beschreibungen erleichtern behinderten und betagten Menschen die Teilnahme am kulturellen Leben und signalisieren ihnen, dass sie willkommen sind.
Museen, die sich aktiv für die besonderen Bedürfnisse behinderter und betagter Menschen einsetzen, sie kreativ einbeziehen, erhalten einen museumsstern***. Diese Auszeichnung honoriert das Engagement und fördert das Image und die Vorbildfunktion der Museen. Und das Preisgeld unterstützt die Umsetzung der Projekte.
4. Tag der Behinderten im Naturhistorischen Museum Basel (7.11.2006) Karin Feigenwinter mit geistig behinderten Jugendlichen in der Dinosaurier-Abteilung
Die gesellschaftliche Integration einer Bevölkerungsgruppe ist ein komplexer und langwieriger Prozess. Als Schweizer denke ich oft daran, wie lange es gedauert hat, bis wir unsere italienischen Gastarbeiter als Mitbürger annehmen konnten. Dabei waren dies vor Gesundheit strotzende, schöne Menschen, die unsere Schwerst- und Drecksarbeit mit fröhlichen Gesichtern, oft sogar singend erledigt haben. Erst die Eröffnung italienischer Restaurants hat eine zaghafte Annäherung gebracht. Der Integrationsprozess ist nach über fünfzig Jahren weit fortgeschritten – aber ist er wirklich abgeschlossen?
Um wie viel schwieriger wird es erst sein, eine Bevölkerungsgruppe zu integrieren, deren Erscheinungsbild fast durchwegs negativ besetzt ist? Nicht jung, dynamisch, schön, gesund und erfolgreich; nein, gebrechlich, krank, behindert, verkrüppelt und meist an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Das Restaurant ZUR PROTHESE hätte wohl einen schweren Stand! Hinzu kommt, dass Behinderte bei ihren nicht behinderten Mitmenschen Ängste auslösen: Rollstuhlfahrer erinnern daran, wie schnell und unbarmherzig das Schicksal jeden treffen kann
Welche absurden Wirkungen die Verbindung von angstgesteuerten Verdrängungsprozessen und mangelnder Gleichberechtigung entfalten können, lässt sich gut am Beispiel fehlender Rampen zeigen.
Die Ausgestaltung unserer Straßen und Gehsteige stammt
mehrheitlich aus dem 20. Jahrhundert. Damals haben Frauen um ihre
Rechte gekämpft; Politik und Wirtschaft waren fest in Männerhand.
Frauen schleppten Einkaufswägelchen, schoben Kinderwagen, Kinder
fuhren Tretautos und Roller; Männer gingen wichtigen Geschäften nach,
waren im Auto unterwegs und bauten Straßen. Absurderweise sind nun
überall dort Rampen entstanden, wo Autos den Gehsteig befahren müssen.
Offenbar wurde hier mit Akribie ein Problem gelöst, das es gar nie gab:
während der ganzen Automobilgeschichte wurde kein einziges
straßentaugliches Serienfahrzeug hergestellt, das nicht mühelos jede
Bordsteinkante hätte überwinden können. Die Frauen hingegen hievten
ihre Kinder und ihre Einkäufe nach wie vor über Bordsteinkanten, ohne
dass dieser Unsinn jemandem aufzufallen schien. Welche Faktoren
führten dazu, dass heute ganze Städte mit Rampen nachgerüstet werden
müssen?
Die Frauen, die diese Rampen hätten brauchen
können, waren zwar geliebt, aber unterprivilegiert. Sie hatten wenig
gestaltenden Einfluss auf die Gesellschaft und waren durch ihre
Familien, für die sie z.T. auch außer Haus arbeiten mussten, derart
belastet, dass sie kaum am kulturellen Leben teilnehmen konnten.
Autofahren ist in unserer Gesellschaft vorwiegend positiv besetzt.
Autos stehen für Wohlstand, Freiheit, Aktivität, Dynamik. Tun wir dem
Auto etwas Gutes, fühlen wir uns auch gut.
Wie das oben ausgeführte Beispiel zeigt, müssen »Maßnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen der Behinderten« einen ganzheitlichen Ansatz haben: um ein Hindernis erfolgreich zu überwinden, müssen oft weitere Themen, die ganz verschiedenen Bereichen angehören, gleichzeitig bearbeitet werden. Um beim Beispiel „Rampe“ zu bleiben: Was nützt eine Rampe, wenn sie durch parkierte Fahrzeuge verstellt ist? Offenbar genügt es nicht, Rampen zu bauen. Es ist gleichzeitig eine neue Generation von Verkehrsteilnehmern heranzuziehen, die den Wert von Rampen erkennt. Auch bei konsequenter Arbeit an diesem Thema werden viele Jahre vergehen, bis in der Gesellschaft genügend Problembewusstsein verankert ist. Deshalb müssen Rampen durch flankierende Maßnahmen gegen Uneinsichtige geschützt werden (z.B. kostenpflichtiges Abschleppen, Bußen etc.). Damit ist es aber noch nicht getan: Die Kommune muss u.a. bei der Abnahme von Straßenbaustellen darauf achten, dass temporär nicht benutzbare Rampen durch Provisorien ersetzt werden. Dazu braucht es instruiertes Personal. Ebenso müssen in den Ausbildungsgängen für Baufachleute fundierte Kenntnisse über behindertengerechtes Bauen vermittelt werden usw.
Unter diesem Aspekt betrachtet, scheint die vollständige Integration von Behinderten und Betagten zu einem schier unüberwindbaren Berg anzuwachsen. Also geht es nicht darum, »das Problem« zu lösen, sondern Schritte in die richtige Richtung zu unternehmen und alle Bemühungen, welche die Integration von Behinderten und Betagten zum Ziel haben, zu unterstützen. Wo immer möglich müssen Teilprobleme ausgeschieden werden, die unabhängig voneinander angegangen werden können. Erst wenn auf allen Ebenen gleichzeitig gearbeitet wird, ist der Erfolg absehbar.
Zugegeben, die museumssterne*** lösen im Leben von Behinderten und
Betagten keine existenziellen Probleme. Aber sie sind ein Schritt in
die richtige Richtung, der dieser großen Bevölkerungsgruppe
ermöglicht, am kulturellen Leben teilzunehmen. Das Projekt "museumssterne*** - museen basel offen für behinderte" ist ein wichtiger Beitrag auf dem Weg, die Integration von
behinderten und betagten Menschen in der Gesellschaft voranzutreiben.